“Gefahr für einen Polizisten
Es ist Winter. Wir schreiben 1989. Es gibt noch das Innenministerium in Berlin. Beamte sind wir noch nicht. Das Land Sachsen-Anhalt müsste eigentlich unser Arbeitgeber sein. So genau weiß das keiner. Wir gehen als Schutzpolizei nur noch als Doppelstreife raus.
Vor wenigen Tagen gab’s eine Schießerei vom allerfeinsten. So 10 Polizisten haben auf einen flüchtigen VW-Bus geschossen. Es fielen an die 90 Schüsse. Wie durch ein Wunder wurde keiner verletzt. Der Bus stand lange Zeit durchlöchert auf dem Polizeihof. Der Schusswaffeneinsatz wurde als nicht gerechtfertigt eingeschätzt.
Wir sind auf solche Situationen überhaupt nicht vorbereitet und dafür auch nicht ausgebildet. Ein Landesgesetz dafür gibt es noch nicht. Später wird provisorisch vom Landtag das Gesetz dazu von Niedersachsen übernommen.
Heute habe ich Nachtschicht. Wir tragen noch DDR-Uniform. An den Mützen wurde das DDR-Emblem herausgebrochen und durch eines mit schwarz-rot-gold ersetzt. Auch die Schutzpolizei-Embleme an den Ärmeln wurden entfernt.
Als Bewaffnung tragen wir noch die Makarow. Als Unterschnallholster. Im Notfall nicht erreichbar.
Ich bin mit den Chef der Dienstschicht unterwegs. Unser Funkwagen ist ein Lada. Es ist eine ruhige Nacht. Wir stehen im Zentrum von Merseburg. Wir erzählen uns Anekdoten aus unserem Leben.
Ein Motorradfahrer nähert sich aus einem Wohngebiet. Zu spät erkennen wir, dass er keinen Helm trägt.
Mit dem Lada haben wir eh keine Chance. Aus diesen Grund reagieren wir nicht. Der Motorradfahrer erkennt unser Desinteresse aber nicht und nimmt sehr riskant die nächste Kurve. Er rutscht auf einem Kanaldeckel aus.
Wir fahren zum Unfallort. Sind nur so 200 – 300 Meter. Der Unfallort ist schnell erreicht. Mein Fahrer hält genau auf Höhe des gestürzten Motorrades. Als ich raus will, hat der Motorradfahrer sich hochgerappelt, hebt das Motorrad auf und blockiert meine Ladatür. Ich brüll los: “Fahr rück!”
Der Lada setzt langsam 2 Meter zurück. Ich kann endlich aussteigen.
Der Motorradfahrer bockt das Motorrad auf. Er wischt die Griffe mit seiner Jacke ab. Und sagt zu mir: “Das war’s. Was wollt ihr von mir?” Mit diesen Worten will er gehen.
Ich stelle mich in den Weg und fordere Personalausweis, Führerschein und Fahrzeugschein. Er grient mich nur an. Ich stoße ihn mit der flachen Hand in Richtung Funkwagen und fordere ihn auf, einzusteigen. Mein Kollege öffnet schon die hintere Tür, damit er einsteigen soll. Er sagt nichts und will sich erneut entfernen.
Ich will ihn zurückhalten. Ich weiß bis heute nicht mehr wie oder was… aber plötzlich spüre ich einen heftigen, stechenden Schmerz in beiden Augen. Der Mann hat mich im Würgegriff und sticht mir mit gespreizten Fingern in die Augen. Ich bin wehrlos und hänge mit letzter Kraft an dem Arm, der sich in meine Augen bohrt. Meine Brille ist gesplittert und weggeflogen. Ich kann nicht mal mehr schreien. Der Schmerz wird immer schlimmer. Mir und meinem Kollegen gelingt es endlich, meine Augen zu befreien. Ich bin vom Schmerz noch benommen. Blut tropft aus meinen Augen. Jetzt ist mein Kollege im Würgegriff. Ich kann verhindern, dass auch er in die Augen gestochen wird.
Wir stehen dem Mann gegenüber – keiner von uns beiden denkt an die Dienstwaffe. Wir waren in der DDR nicht gewohnt, die Waffe einzusetzen. Außerdem ist eh die Winterjacke darüber.
Keiner von uns beiden kann an das Funkgerät im Wagen, um Hilfe zu rufen. Wir rechnen mit einem Angriff des Mannes.
Plötzlich springt ein Mann hinzu. Er legt seine Uhr und Brille auf dem Funkwagen ab und geht in Kampfstellung. Er sagt: “Komm, ich bin auch Kampfsportler. Mit den beiden Polizisten wirste vielleicht fertig, ich leg dich aber zusammen.”
Unser Gegenüber weicht zurück und steigt in den Funkwagen ein.
Über Funk erreichen wir niemanden. Wir fahren los. Vor dem Polizeirevier müssen wir warten, bis sich die Tür öffnet. Der Täter öffnet das Fenster und will die Fahrzeugtür von außen öffnen. Ich werfe mich auf ihn. Wieder bekomme ich Stiche in die Augen. Mein Kollege will mit dem Schlagstock zuschlagen, kann ihn aber nicht treffen, weil ich auf ihm liege.
Endlich sind wir auf dem Hof des Reviers angelangt. Wir steigen aus, lassen den Kerl auch raus. Der hebt meinen Kollegen an und will ihn den Ascheaufzug herunterwerfen. Der Aufzug ist 5 Meter tief. Ich hänge am Hals des Mannes und ziehe mit letzter Kraft. Ich brülle, was ich kann. Mich muss doch einer hören, verdammt noch mal.
Endlich erscheint einer. Unser Kugelblitz. Drei Zentner schwer und wenig in der Rübe. Ist mir egal. Ich will, dass der hilft. Der kommt aber nicht, sondern holt andere.
Ich hab auf den feigen Kollegen eine verdammte Wut. Ein anderer erscheint. Dieser schlägt dem Täter mit der Faust an die Schläfe. Der Mann fällt wie vom Blitz getroffen um. Der Kollege schleift den Mann an den Beinen in eine Zelle.
Ich werde ins Krankenhaus gefahren. Die Druckstellen sind gottlob nur neben den Augen. Das Sehvermögen ist nicht geschädigt. Eine ernsthafte Verletzung und ich hätte meine Verbeamtung vergessen können. Im Mai sind die medizinischen Untersuchungen, dazu die Gauck-Überprüfung. Beides überstehe ich ohne Probleme. Ich muss 10 kg abnehmen, auch kein Problem für mich. Im Juni ist Verbeamtung auf Probe. Die Probezeit wird für uns auf maximal 2 Jahre verkürzt . Nach einem Jahr bin ich Polizeibeamter auf Lebenszeit. So einen Angriff habe ich bis heute nie wieder erlebt.
Gefährliche Situationen habe ich seitdem immer abgewendet, indem ich das Pistolenholster geöffnet und die Hand ans Griffstück gelegt habe. Das reichte bisher, um klarzumachen, dass ich die Waffe einsetze. Die “Aufmerksame Sicherheitshaltung” der Dienstwaffe ist keine Anwendung und reichte bisher, um Täter zu stoppen. Meine letzten beiden Raufereien hab ich mit Pfefferspray beendet. Wirkungsvoll und beeindruckend. Da fällt ein Zwei-Meter-Mann wie ein Baum. Es sei denn, er hat Drogen genommen. Dann haste ein Problem. Dann müssen wieder Fäuste nachhelfen.”